Aus der Jacht 2 / 2004
Zwischen Ehrgeiz und Erholung
Für die einen geht es um Pokale, für andere ums pure Vergnügen.
Auf Fun-Regatten findet jeder, was er sucht. Der Teilnehmer-Mix ist bunt - wie
bei der Bodrum Week
| Schnell wie die "Blitz" : Außer Charteryachten sind vor Bodrum auch echteCruiser/Racer dabei |
Kurt, Horst, Werner , Martin und Frank sind glücklich. Gerade
dem deutschen Herbst entflohen, sitzen sie im Cockpit ihrer "Double Happiness",
genießen die Mittelmeersonne und freuen sich auf die bevorstehenden Tage. Gemeinsam
mit 39 anderen Crews, denen auch noch nicht der Sinn nach Regen und Kälte steht,
nehmen sie Ende Oktober an der Bodrum Race Week 2003 teil.
Vier von ihnen waren schon im vergangenen Jahr dabei, als die
Regatta zum ersten Mal stattfand.
Daher ahnen sie bereits, dass ihre Siegerchancen eher bescheiden sind. "Wir
haben nicht gerade das schnellste Boot. Trotzdem machen wir das Beste draus",
meint Horst, der daheim in Hagen Vorsitzen-der der Gemeinschaft zur Förderung
des Seesegelns ist. Und Frank, der als Segellehrer auf Mallorca gearbeitet hat,
fügt hinzu: "Wir sind ein gutes Team. Das macht uns stark." Ein wenig gelassener
sieht
es Skipper Kurt. Für ihn sei der Bootsname Programm. Aber: "Die Race Week ist
zum Glück so angelegt, dass auch ehrgeizige Segler auf ihre Kosten kommen",
sagt er.
Insgesamt haben 36 Yachten und vier Katamarane gemeldet. Knapp
die Hälfte kommt aus der Türkei. Der Rest ist international.: Sechs Crews stammen
aus Holland, vier aus Deutschland, jeweils drei aus Griechenland, Frankreich
und England sowie je eine aus Belgien, Dänemark, Finnland und Norwegen. Neben
reinen Männer-Teams sind auch gemischte Gruppen an Bord einiger Schiffe. Und
sogar Familien machen mit. Der jüngste Teilnehmer, ein kleiner Grieche, ist
gerade mal fünf Jahre alt.
Gesegelt wird in verschiedenen Klassen- gleichermaßen auf Eigner- wie auf Charterschiffen.
Der Kurs führt in Etappen von Bodrum an der türkischen Ägäis die Küste entlang
nach Turgutreis, dann hinüber nach Griechenland zur Insel Kos und wieder zurück.
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Wohl behütet: Eine türkische Gulet dient den Veranstaltern als Start- und Begleitschiff. Vom Deckhaus aus behält die Regattaleitung die Teilnehmer permanent im Blick. |
Veranstalter ist neben dem Bodrum Offshore Sailing Club unter
anderem Yildiz-Yachting. Das Unternehmen gehört Kees Verboom. Der Holländer,
der vor Jahren mit einer kleinen Stahlyacht in die Türkei segelte, um dort Urlaub
zu machen, ist mittlerweile Herr über eine Flotte moderner Charterboote. Obwohl
er gut im Geschäft ist , lehnt er sich nicht zurück. "Kees ist einer, der immer
rackern muss", sagt Jolien, seine Frau.
Bevor es im Winter ruhig wird an der türkischen Küste, wollte
Verboom es noch einmal wissen. Bis Anfang November ist es angenehm warm im östlichen
Mittelmeer. Warum also die Saison nicht mit einer großen Regatta für jedermann
beenden? Gedacht, getan. Über die Stuttgarter Charteragentur Sailpoint sowie
Verbooms holländischem Vermittler kamen elf sonnenhungrige Crews, die von der
Aussicht begeistert waren, den Sommer noch ein wenig verlängern zu können.
Der erste Regattatag beginnt mit einer dunklen Wolke über Karaada, der Bodrum vorgelagerten Insel. Doch schon zum Skipper-Briefing reißt der Himmel auf und ägäisches Blau erstrahlt über dem Hafen und den weißen Häusern am Hang. Der Wetterbericht sei gut, man rechne mit nördlichen Winder zwischen 4 und 6 Beautfort, teilt die Regattaleitung mit. Auf einer Tafel sind der Küstenverlauf und der zu segelnde Kurs aufgezeichnet.
Kurz vor dem Start erklärt Skipper Jon im Cockpit der "Centurion",
einer Gip`Sea 422, seiner Freundin Rachel und Barry, der als Gast auf dem Schiff
des englischen Paars mitsegelt, schnell noch mal Regeln und Kurs. Wo ist die
beste Position für den Start? Was passiert, wenn man zu früh über die Linie
schießt? Soll man protestieren, weil die da drüben noch die Nationale im Achterstag
fahren? Fragen
über Fragen. Die wichtigste stellt stellt schließlich Rachel: "Coffee or tea,
Sir?" Als praktisch denkende Frau ist sie dafür, dass noch mal kräftig aufgeputscht
wird, bevor es losgeht.
Draußen weht der Wind aus Nordwest mit 4 Beaufort. Um 10.50
Uhr wird auf dem Regattaschiff, einer großen Gulet, die Startflagge für die
Kats vorgeheißt. Um Punkt 11 Uhr rauschen zuerst die
Zweirumpfer über die Linie, die anderen Klassen folgen im Zehn-Minuten-Takt.
Die Idee von Jon, kurz vor dem Start an den Wind zu gehen, die Genua killen zu lassen, um dann sekundengenau über die Linie zu rauschen, ist super. Nur leider haben andere das Gleiche vor. So kommt die "Centurion" im Gewühle und Gebrülle nicht gleich auf Trab und passiert als siebtes von 17 Booten die Linie. Auf dem ersten Stück nach Turgutreis holt sie zwar auf, liegt eine Zeit lang auch ganz gut, fällt dann aber wieder zurück.
Als es um die Ecke geht, kommt den Yachten aus der Straße von
Kos eine steile See entgegen. Beim Aufkreuzen krachen die Schiffe hart in die
Welle. Nach zwei Stunden und 29 Minuten haben es Jon, Rachel und Barry geschafft.
Als Neunte passieren sie vor der Dogus-Marina in Turgutreis die Ziellinie.
Andere Crews hatten weniger Glück. Im schmalen Kanal zwischen
der türkischen Küste und Kos hatte Poseidon noch ordentlich eins draufgelegt
- 7 Windstärken, später noch mehr, pfiffen den Seglern entgegen. Auf der "Impluls",
einer Dufour 38, Kam in dieser extremen Düse der Mast von oben.
Wenige Minuten später - fast an derselben Stelle - erwischte es eine der türkischen
Yachten. Ebenfalls Mastbruch.
Abgesehen vom zerstörten Rigg kamen beide Yachten mit demolierter Reling und eingedrücktem Bugkorb davon. Verletzt wurde niemand.
Angesichts solcher rauer Bedingungen ist Michael Steinacker
besonders stolz auf seine Crew. Er ist mit "Steini", dem kleinsten Boot einer
Bavaria 30, dabei. Mit an Bord sind nebendem Skipper drei Frauen: Gattin Birgitta
sowie die Töchter Valerie (12) und Alice (8). Die Familie aus dem Sauerland
schafft es auf Platz elf. Die vier sind ein eingespieltes Team. Regattaerfahrung
haben sie schon beim Dodecanes Cup gesammelt. Alice, die jüngste, erklärt zwar,
dass ihr glattes Wasser lieber sei zum Segeln. Doch wenn es mal wellig würde,
ginge das auch in Ordnung.
Birgitta Steinacker, Lehrerin an einem Gymnasium, sieht auch
den pädagogischen Aspekt der Veranstaltung. Viel mehr Familien sollten ihrer
Meinung nach an Fun-Regatten teilnehmen. "Das för-
dert den Zusammenhalt." Zudem fühle sie sich unterwegs sicherer, da immer jemand
in der Nähe sei. Und in den Etappenhäfen bräuchte man sich um so gut wie gar
nichts selbst zu kümmern, da die Organisatoren in der Regel alles bestens vorbereiteten.
Vor allem Letzteres wird am nächsten Tag deutlich. Der steht ganz im Zeichen
des Griechenland-Besuchs. Bei einer gutmütigen Brise zwischen 3 und 4 Beaufort
und strahlend blauem Himmel segeln die Yachten unter Spinacker oder Schmetterling
zurück zur Straße von Kos. Von dort geht es in Halbwind-Schlägen mehrmals über
die Enge, bis das Ziel vor der Kos-Marina erreicht ist. Beim Einlaufen in den
Hafen dann die große Überraschung: Wo ausländische Skipper normalerweise eine
zeit- und nervenzehrende Runde bei Passpolizei, Hafenmeister und Zoll absolvieren
müssen, sind für die Regatta-Teilnehmer keinerlei Formalitäten erforderlich.
Die Race-Week-Flagge am Achterstag und die griechische Gastlandflagge unter
der Sailing genügen. Die Crews können sich ohne Einschränkung frei bewegen.
Für die meisten steht zunächst ein Stadtbummel auf dem Programm. Man will schließlich auch ein wenig von Land und Leuten kennen lernen. Nach Sonnenuntergang treffen sich dann alle zum Sirtaki-Abend. Die Kos-Marina zelebriert griechische Gastfreundschaft. Das Büfett biegt sich unter den vielen, landestypischen Speisen, dazu gibt es reichlich Wein und Ouzo.
Später erklingt Busuki-Musik, und als die Stimmung ausgelassener
wird, tanzen Griechen und Türken Arm in Arm. Vergessen sind die Spannungen,
die es zwischen den beiden Ländern noch vor kurzem gab. Und als am Ende Jannis
Kourounius, der Manager der Kos-Marina, verkündet, dass in Griechenland die
umstrittene Einreisesteuer endgültig aufgehoben sei, kommt bei den Seglern Jubel
auf.
Der dritte Tag beginnt mit schlagenden Fallen, grauem Himmel
und Nord-Westwind um 6 Beaufort.
"Bis zu 7 Windstärken sind angesagt", heißt es beim Skipper-Briefing. Schon
beim Start ist der Starkwind da und sorgt für mächtig viel Wirbel. Unter anderem
gehen zwei der vier Kats von der falschen Seite über die Linie. Das Komitee
ordert sie über Funk zurück, doch der Ruf bleibt im pfeifen des Windes ungehört.
Die Boote sprinten in Richtung türkische Küste und verschwinden rasch aus dem
Blickfeld.
Auf der "Double Happiness" geht es für Kurt, Horst, Werner, Martin und Frank
am vorletzten Tag um Platz vier. Ihre Sun Odyssey 40 ist wahrlich kein Racer,
aber: "Länge läuft bekanntlich", ist Segellehrer Frank optimistisch. Schwer
zu schaffen macht den Fünften eine schwarze Dehler 38. Während des Dreieckskurses,
der mehrmals abzuspulen ist, liegen sie vor ihr. Doch auf der letzten Kreuz
wird es eng. "Segel dicht! Klar zur Wende!", kommen die Kommandos vom Skipper.
Doch es hilft nichts. Der Konkurrent ist durch, die Männercrew
muss sich mit Platz fünf begnügen. "Kann sich trotzdem sehen lassen", tröstet
Kurt die Mitstreiter.
An der Platzierung soll sich nichts mehr ändern. Am letzten Tag kreuzen die
Yachten durch die aufgewühlte See und warten auf den Start. Stattdessen gehen
auf dem Regattaschiff jedoch die Signalflaggen für Abbruch hoch. Eine Stunde
später stürmt es mit 8 aus Südost. Am Nachmittag setzt Regen ein, zum ersten
mal seit Mitte Mai. Die Siegerehrung findet unter dem tropfnassen Vordach des
Bodrumer Yacht Clubs statt. Originelle Pokale werden übereicht.
Und Roman, der Einhandsegler aus München, auf seiner selbstgebauten
"naja" Langsamster aller Klassen, erhält unter tosendem Beifall eine Flasche
Sekt. Ein letztes Mal wird ausgiebig gefeiert. Dann kann er kommen, der Winter.
Udo Hinnerkopf